And the Oscar goes to … Toni

Erstaunlich viele Autorinnen haben einen Hund an ihrer Seite. Dazu habe ich im Laufe der Jahre mehrere Theorien entwickelt:
• Der treue Vierbeiner zwingt die rasend tippende Autorin wenigstens

gelegentlich an die Luft und zu Bewegung.
• Der plüschige Freund ist auch dann noch treu ergeben, wenn Frau- chen durch zu intensives Schreiben leicht soziopathische Züge an den Tag legt und die Mitmenschen vergrault.
• Selbst ein durchschnittlicher Hund ist viel einfallsreicher als jeder Goldfisch – und somit eine 1a Inspirationsquelle.
• Man hat mit einem Hund immer ein Thema, das man auf Facebook aufgreifen kann, wenn man sonst nur über die aktuelle Schreib- krise berichten könnte.

Das alles trifft natürlich auch auf meinen Hund zu. Wobei er sich ve- hement gegen das Attribut „durchschnittlich“ zu Wehr setzen würde (wüsste er, was ich gerade geschrieben habe). In seiner Wahrnehmung ist er nämlich so etwas wie der Jamie Fraser der Hundewelt. Sexy, viril und höchst potent unterm Kilt. Und so kreativ in seinem Ver- halten, dass er mich in den vielen Jahren unseres Zusammenlebens schon zu etlichen Kolumnen und sogar einem ganzen Roman inspi- riert hat. Wobei, offiziell nicht „mich“, sondern meinen Wirtskörper Carin Müller. Wen‘s interessiert: Der Roman heißt „Hundstage“ und die folgende Kolumne steht in leicht abgewandelter Form auch in der Anthologie „Problemzonen“.

So in etwa muss es sich anfühlen, mit George Clooney zusammenzuleben: Man steht permanent in seinem Schatten und alle Menschen fragen sich, wie um alles in der Welt die Alte es geschafft hat, sich diesen fantastischen Kerl zu angeln. Das mag schon bitter für die zahlrei- chen Begleiterinnen des Hollywoodstars gewesen sein, und man kann der zauberhaften Amal Clooney nur weiterhin das Beste wünschen, in meinem Fall ist es jedoch schlimmer. Kein graumelierter Beau stiehlt mir die Schau, sondern mein Hund!

Airedale Terrier Toni ist neun Jahre alt, was umgerechnet in Menschenjahren wohl etwa Herrn Clooney entspricht, und wie dieser hält sich auch mein Vierbeiner für Gottes Geschenk an die Frauenwelt. Die Spezies ist dabei zweitrangig, Labrador-Ladys und Mischlings-Mädels werden genauso betört wie Menschenfrauen. Nur die Vorgehensweise ist etwas anders. Da trifft es sich hervorragend, dass Toni noch ein weiteres Talent mit George gemein hat: Er ist ein grandioser Schauspieler!

Womanizer: Seine bevorzugte Rolle ist sicher die des Don Juan, des Verführers, des Frauenverstehers. »Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frau’n« scheint dabei sein Motto zu sein. Und viel muss er nicht einmal machen. Bei den vierbeinigen Damen reicht in der Regel ein zärtlicher Stupser oder ein Schlapp übers Öhrchen und sie verfallen ihm reihenweise. Bei den Zweibeinerinnen ist noch weniger Aufwand nötig. Erschütternd viele meiner Geschlechtsgenossinnen stoßen al- lein bei seinem Anblick leicht hysterische Laute der Verzückung aus. Das typische langgezogene, hohe »Oooohhhhh« ist sein Stichwort: Er wirft sich in vorbildliche Sitz-Haltung, hebt das rechte Pfötchen und legt den Kopf schräg. Erfolgsquote etwa 98 Prozent. Entwürdigend. Sterbender Schwan: Natürlich ist Tonis Liebe nicht selbstlos. Weit davon entfernt sogar. In erster Linie erhofft er sich Sex (von den Hündinnen) oder Futter (von den Menschen). Den »Ich stehe kurz vorm Hungertod«-Gesichtsausdruck beherrschte er bereits als Welpe perfekt. Sein Meisterstück in der Kategorie »sterbender Schwan« hat er allerdings erst diesen Sommer geliefert. Bei unserer morgendlichen Fahrradfahrt ins Büro piekste ihn eine Biene in die linke Vorderpfote. Erste Reaktion: ein erstaunter Quieker. Nächste Reaktion (nachdem ich vom Rad gestiegen war und den Stachel samt vollständig gefüllten Giftsacks entfernt hatte): wie tödlich getroffen zu Boden sinken. An einer belebten Kreuzung! Die Pfote sah makellos aus, es gab keine Schwellung, gar nichts. Und wie auch? Für eine durchschnittliche Honigbiene dürfte es unmöglich sein, mit dem Stachel durch die dicke Lederhaut einer Airedale-Pfote zu dringen. Egal, Toni litt so malerisch, dass ein hilfsbereiter Taxifahrer einen Nottransport in die nächste Tierklinik anbot. Darauf hatte der Terrier jedoch keine Lust, denn auf der nahegelegenen Wiese hatte er just einen anderen Hund mit Tennisball erspäht. Da muss man Prioritäten setzen, sterben kann man schließlich immer noch. Fünf Minuten später im Büro humpelte er jedoch wieder melodramatisch – klar, es gab frisches (weibliches!) Publikum und reichlich Mitleid. Bis ihm ein schwerer Fehler unterlief und er Beifall heischend die unbeschadete rechte Pfote hob und ableckte.

Psychopath: Durch ständiges übertriebenes Flirten und/oder Jammern des einen Partners stumpft der andere in langjährigen Beziehungen gerne ab. Dann muss ein neuer, größerer Reiz her. Tonis Mittel der Wahl, wenn Liebesbezeugungen oder Leiden nicht die gewünschten Reaktionen bringen, ist Flucht in die Neurose. Missbehagen aller Art – sei es tatsächliches (selten), eingebildetes (fast immer) oder schlicht durch meinen Termindruck motiviertes – lässt ihn zu Hannibal Lecter mutieren. Er bekommt einen irren Blick und keucht mir so psychopathisch ins Ohr, dass ich nicht nur Lämmer zum Schweigen bringen will.

Clown: Sobald ich mich dann jedoch zu einer Verzweiflungstat hinreißen lasse – Tierarzt anrufen, neuen Termin mit der Hundetrainerin vereinbaren oder mit ihm zur nächsten Autobahnraststätte fahre, um ihn dort … – schlüpft er übergangslos in seine beste Rolle und wird zum charmanten Clown. Und drei Minuten später habe ich zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk vergessen, dass mein plüschiger Freund mich gerade mal wieder an die Schwelle des Wahnsinns getrieben hat.

Fassen wir zusammen: Um eine glückliche Beziehung mit einem Airedale-Terrier wie Toni zu führen, sollte Frauchen ziemlich selbstbewusst sein, reichlich Humor und gute Nerven haben und darf sich in keinem Fall selbst zu ernst nehmen.

Carin Müller