Invidia – Schlaflos in Manhattan

»Er betrügt mich«, lautet meine Begrüßung, kaum dass Alice mir die Tür zu ihrer Wohnung geöffnet hat. Jene Wohnung, in der auch ich gelebt habe, bevor ich zu Jayden gezogen bin.
Jayden King. Der Mann meiner Träume. Der Mann, dem ich blind vertraue – auch nachts, während ich schlafe. Trotz meiner Sexsom- nia. Gerade deshalb ist er der Eine; das nahm ich zumindest an. Seit circa einem Monat bin ich mir nicht mehr sicher und zweifle sogar an seiner Liebe.

»Wer betrügt dich?«, fragt meine Schwester stirnrunzelnd und schließt hinter mir die Tür.
»Jayden.«
»Wobei?«

»Alice! Hörst du mir nicht zu?«
»Natürlich höre ich dir zu. Deshalb ja auch meine Frage. Jayden liebt und vergöttert dich. Er würde dir niemals fremdgehen. Außerdem weiß er, dass ich ihm die Eier abschneide und ihn dann zwinge, sie zu essen, wenn er es wagen sollte.«
»Im Ernst. Ich glaube wirklich, dass er eine Affäre hat.«
»Wie kommst du denn darauf?«
Bei dem Versuch, meine Anspannung abzubauen, gehe ich vor dem Sofa auf und ab. »Er macht noch mehr Überstunden als sonst. Er hat Termine, von denen er mir nichts erzählt, obwohl ich seine persönliche Assistentin bin. Letztes Wochenende musste er zum Beispiel an- geblich zu einem wichtigen Meeting. An einem Samstag von morgens bis spätabends. Als ich ganz beiläufig gefragt habe, worum es bei dem Meeting ging, hat er gelogen.«
»Was hat er denn gesagt?«
»Es war nicht was, sondern wie er es gesagt hat.«
»Und wie?«
»Er hat rumgestammelt, wirkte unsicher und konnte mir nicht in die Augen sehen. Du kennst Jayden. Er ist wortgewandt, selbstsicher. Er stottert nie.«
»Und weiter?«
»Er verlässt zum Telefonieren den Raum. Sowohl im Büro als auch zu Hause. Auch das macht er sonst nicht.«
Alice wendet sich seufzend ab. »Ich mach uns eine Marschmallow-Schoki.«
»O nein.« Abrupt bleibe ich stehen und sehe sie entsetzt an. »Du glaubst, ich habe recht, oder? Er geht mir fremd!«
»Ohne Beweis glaube ich gar nichts, und das rate ich dir übrigens auch.«
»Warum dann die Schoki?« Schon seit unserer Kindheit ist heiße Marschmallow-Schokolade das universelle Krisenbewältigungsge- tränk. Sei es bei Liebeskummer, Periodenschmerzen oder Unistress. Dass sie mir in diesem Fall hilft, wage ich zu bezweifeln.
»Weil Schoki beruhigend wirkt.«
»Jayden geht mir fremd. Ich will mich jetzt nicht beruhigen.« »Solltest du aber. Du trägst deinen Pulli nämlich nicht nur verkehrt herum, sondern auch noch auf links und …« Ihr Blick rutscht tiefer. »… du hast zwei unterschiedliche Schuhe an.«
Ich schaue an mir hinunter, betrachte die Nähte meines Pullis und meine Chucks. Einer rot, der andere schwarz. »Ups.«
»Deshalb kriegst du jetzt erst mal ’ne Schoki zum Runterkommen. Und dann analysieren wir Jaydens Verhalten, okay?«
Nickend setze ich mich aufs Sofa, während meine Schwester in unserer Wohnküche unser Lieblingsgetränk zubereitet. Fünf Minuten später kehrt sie mit zwei dampfenden Tassen zu mir zurück.

Neben mir nimmt sie Platz. »Hier.«
»Danke«, sage ich und stelle meine Schoki zum Abkühlen auf den Beistelltisch.

Alice hingegen löffelt bereits die geschmolzenen Marschmallow-Stücke herunter.
»Also«, beginnt sie. »Wie sieht es denn mit Beweisen aus? Riecht er nach einem Frauenparfüm, das du nicht benutzt, hatte er schon mal Lippenstift am Kragen, ist er …«

»Sie heißt Katy«, unterbreche ich sie. »Die Frau, mit der er telefoniert und schreibt.«
»Und das weißt du woher?«
Mein schuldbewusster Blick lässt Alice empört den Atem ausstoßen. »Hast du etwa in seinem Handy rumgeschnüffelt?«

»Nicht … direkt.«
»Sondern?«
»Es lag offen rum. Die Sperre war noch nicht aktiviert, und da hab ich ihn gefragt, ob ich von seinem Handy aus eine SMS an dich ver- senden könnte, weil mein Akku alle war.«
»Diese merkwürdige Nachricht von vor einer Woche?«
Ich nicke.
Alice schüttelt verständnislos den Kopf. »Das ist nicht okay, Abbi.«

»Ich weiß. Aber was hättest du an meiner Stelle getan? Das war die einzige Möglichkeit, herauszufinden, ob ich recht habe.«
»Was hast du denn herausgefunden?«
»Dass sie telefonieren und schreiben.«
»Scheiße. Was denn so?«
»Ich konnte nur die letzte Nachricht lesen, in der stand, dass er übermorgen um acht mit ihr verabredet ist. Abends.«
»Und jetzt willst du ihm nachspionieren?«
»Hast du eine bessere Idee?«
Alice seufzt. »Dann lass dich aber nicht erwischen. Wenn sich dein Verdacht nicht bestätigt und er herausfindet, dass du ihn beschattest, könnte das eurer Beziehung schaden.«
»Er hat ihr geschrieben, dass er sich auf Freitag freut und …« Ich schlucke hart. »… dass er gespannt ist. Wie soll ich das ignorieren, Alice? Wie?«
»Dass er gespannt ist, kann sich auf alles Mögliche beziehen.«
»Oder auf diese Frau, mit der alles neu und spannend ist. Vielleicht langweile ich ihn. Vielleicht vermisst er das Leben, das er vor mir hatte. Seine Unabhängigkeit. Sein Singleleben. Die Abwechslung. Was, wenn ich ihm nicht genüge, Alice? Was, wenn er sie aufregender findet als mich? Was, wenn …« … er mich nicht mehr will?, beende ich den Satz gedanklich und spüre, wie sich mein Magen zusammenzieht. Allein die Vorstellung, an meinem Verdacht könnte was dran sein, löst bei mir Magenschmerzen aus. Ich will nicht, dass er eine andere be- rührt, küsst oder mehr. Ich will nicht mal, dass er andere Frauen so ansieht wie mich. Dieser spezielle Blick, Jaydens Art, mir allein mit dem Ausdruck in seinen Augen eine Liebeserklärung zu machen, ge- hört mir. Er gehört mir.
»Jetzt mach dich nicht verrückt, Abbi.« Alice streicht über meinen Arm, bei dem Versuch, mich zu beruhigen. Vergeblich. »Du hast keine Beweise, nur einen Verdacht, und ich bin mir sicher, dass du falschliegst. Jayden liebt und begehrt dich. Nur dich. Darauf würde ich mein Diner verwetten.«
»Tu das lieber nicht«, rate ich ihr.
»Willst du, dass ich dich am Freitag begleite?«
Ich schüttele den Kopf.
»Sicher?«
»Ja. Nicht dass du noch Zeugin eines Doppelmordes wirst, sollte Jayden mich tatsächlich betrügen. Verschaff mir lieber ein Alibi«, scherze ich, nehme die Schoki vom Tisch und trinke mehrere Schlucke hin- tereinander. Schnaps wäre mir jedoch lieber. Und zwar ein doppelter.

***

Freitag, kurz vor acht.
Ich steige aus dem Taxi und hefte mich unauffällig an Jaydens Fersen. Mit einem Cappy auf dem Kopf und wild klopfendem Herzen. Ich bete zu Gott, dass es sich bei dieser Katy um jemanden handelt, mit dem Jayden niemals eine Affäre hätte. Eine achtzigjährige Omi, eine verschollene Schwester oder …
Nein! Bitte nicht.
Ich bleibe abrupt stehen, und mein Magen gefriert vor Schock zu einem Eisklotz, als ich sie sehe.
Groß, brünett, schlank, schön, in einem perfekt sitzenden Kostümchen – und in seinen Armen. Keine flüchtige Umarmung, die nach einer Sekunde vorbei ist. Er drückt und hält sie fest umschlungen. Dieser Anblick frisst sich wie Säure in mein Herz und hinterlässt eine klaffende, pochende Wunde. Enttäuschung bricht tonnenschwer über mich herein. Meine Knie drohen nachzugeben. Ich brauche Halt und ertaste die Häuserfassade zu meiner Rechten, an der ich mich abstütze. Zitternd und mit vorgehaltener Hand. Tausendmal schüttele ich den Kopf, will nicht wahrhaben, was sich hundert Meter vor mir gerade abspielt: Jayden und diese Frau verschwinden zusammen in einem Haus. Ich schließe die Augen, hoffe, aus einem Albtraum auf- zuwachen, wenn ich sie wieder öffne. Doch als ich es tue, stehe ich noch immer an Ort und Stelle. Die Tränen, die meine Sicht trüben, sind real.
Keine Ahnung, wie ich es schaffe, sie zurückzudrängen. Keine Ahnung, wie es mir gelingt, den fetten Kloß in meinem Hals hinunterzuwür- gen, statt an ihm zu ersticken. Übelkeit steigt in mir auf, aber auch die kämpfe ich nieder und schaffe es, mich fortzubewegen. Irgendwie. Auf wackeligen Beinen, während mir eisiger Dezemberwind schneidend ins Gesicht bläst. Trotzdem gehe ich den ganzen Weg zu Fuß zurück, statt mir ein Taxi zu rufen. Vierzig Minuten und eine Million Gedanken später betrete ich durchgefroren das Dakota-Building. Ich stelle meine Ohren auf Durchzug, setze meine Scheuklappen auf und husche mit gesenktem Kopf am Portier vorbei, ohne zu grüßen. Ich will jetzt nicht reden. Mit niemandem. Auch nicht mit Jayden, obwohl ich es sollte. Ich sollte ihm zumindest die Chance geben, zu erklären, warum er sich hinter meinem Rücken mit einer anderen trifft. Aber ich habe Angst. Angst vor seinen Ausflüchten. Angst vor Lügen, aber auch vor der Wahrheit. Was, wenn er nach ihr riecht? Was, wenn ich ihm ansehe, dass er mich nicht mehr will, nicht mehr braucht? Ich bin noch nicht bereit, mich diesen Antworten zu stellen. Nicht jetzt. Nicht heute. Deshalb muss ich meine Sachen zusammenpacken und weg sein, bevor er zurückkommt. Weg aus seinem Apartment, diesem Ort, von dem ich dachte, er sei auch mein Zuhause. Für immer.
Was für ein Irrglaube.
Was für ein Arschloch!
Wut hat sich inzwischen zu meinem Schmerz gesellt, der sich nun doch in heißen Tränen entlädt, als ich in seiner Wohnung stehe. Jeder Winkel so voller Erinnerungen, kein Raum, in dem wir uns nicht geliebt haben. Zärtlich. Hart. Wütend. Leidenschaftlich.
Schluchzend schüttele ich den Kopf, reiße mich von den Erinnerun- gen los und …
»Abigail?«
Jayden.
Scheiße!
Rasch eile ich ins Ankleidezimmer und wische mir die Tränen von den Wangen, damit ich was erkenne. Ich unterdrücke ein Schluchzen und schnappe mir eine Trainingstasche. Es ist seine, aber das ist mir jetzt egal. In Rekordzeit reiße ich so viele meiner Klamotten wie möglich von den Bügeln und aus den Schränken. Auf Knien stopfe ich sie in die Tasche, die ich nur noch verschwommen erkenne. Als ich aufstehe und gehen will, betritt Jayden den Raum.
»Abigail, ich …« Der Anblick meines verheulten Gesichts lässt ihn innehalten. »Baby? Was ist passiert?« Seine Stimme klingt so zärt- lich, und der sorgenvolle Ausdruck seiner tiefblauen Augen wird mir

zu viel.
Ich senke den Blick. »Lass mich bitte durch.«
»Hey. Warum redest du nicht mit mir?«
Ich schaue zu ihm hoch, will ihn nun doch mit meinem Schmerz konfrontieren – jetzt einfach zu gehen wäre kindisch. So bin ich nicht und war es nie.
»Was soll das werden?«, fragt er und blickt von der Tasche in meiner Hand verwirrt in mein Gesicht. »Wo willst du hin?«
»Weg.«
»Hab ich was verpasst?«
Mein Mund verzieht sich zu einem bitteren Lächeln. »Das habe ich mich vorhin auch gefragt, als ich dich mit dieser Frau gesehen habe.« »Welche Frau? Wo- wovon redest du?«
Da ist sie. Die Lüge, vor der ich mich so gefürchtet habe, weil sie der Beweis seiner Untreue ist.
Gott, ich muss hier weg und schluchze: »Lass … mich durch, Jayden.«
»Nein.« Er versucht, mir die Tasche abzunehmen.
Ich reiße mich los und will mich an ihm vorbeiquetschen, doch sein großer Körper verhindert es.
»Geh mir aus dem Weg!«, fordere ich diesmal energischer. So ener- gisch, wie es der Kloß in meinem Hals zulässt.
»Ich gehe nirgendwohin, verflucht! Nicht, bevor du mir sagst, was hier verdammt noch mal los ist, Abigail.« Sein Brustkorb hebt und senkt sich schwer. Er fährt sich durchs Haar und alles, woran ich denke, sind ihre Finger, die das Gleiche tun. Ihre Finger um seinen Hals, seinen Nacken … überall auf ihm. Ich schließe um Fassung ringend die Augen.
»Sieh mich an, Baby«, dringt an mein Ohr. Butterweich und streng zugleich. »Sag mir bitte endlich, was dein Problem ist!«
»Du willst wissen, was los ist?«, höre ich mich sagen und erkenne meine vor Heiserkeit kratzige Stimme kaum.
»Ja.«
Mit dem Handrücken wische ich meine Tränen fort und dränge neue mit aller Macht zurück.
»Fuck, Abgail. Was ist denn nur?« Er hebt den Arm, will mich berühren.
»Nein.« Beinahe panisch weiche ich zurück.
Jaydens Ausdruck ist eine Mischung aus Verwirrung, Schock und Schmerz. Willkommen in meiner Gefühlswelt. »Ich habe euch gese- hen«, beginne ich, »dich und diese Frau. Ihr habt euch in den Armen gelegen und …« Ich ringe tief Luft holend um Fassung. »… dann seid ihr in diesem Haus verschwunden.«
Jayden wagt es tatsächlich, eine Braue zu heben. »Du bist mir ge- folgt?« In seiner Frage schwingt ein Vorwurf mit, den er sich über- haupt nicht erlauben dürfte.
»Dann gibst du es also zu?«
Jayden atmet gedehnt aus. »Unterstellst du mir gerade ernsthaft, dass ich dich betrüge, Abigail?«
»Ja.«

Ungläubig schüttelt er den Kopf, wirkt empört, beinahe fassungslos. Mit welchem Recht?
»Dann klär mich auf! Erklär mir dein merkwürdiges Verhalten in den vergangenen vier Wochen. Erklär mir deine unzähligen Überstunden, für die es überhaupt keinen Grund gibt. Erklär mir Termine an Wochenenden, zu Uhrzeiten, zu denen wir normalweise ins Kino oder was essen gegangen sind oder es uns hier bei einem Film gemütlich gemacht haben.« Die Vorstellung, all das nie wieder mit ihm zu erleben, lässt meine Stimme beben. »Erklär mir die heimlichen Telefonate, für die du sogar den Raum verlassen musstest, und deine Textnachrichten mit dieser … dieser Katy«, rutscht mir in meiner Wut und Verzweiflung heraus.

Jaydens Miene verdüstert sich. »Du schnüffelst in meinem Handy rum?«
»Du hast mir keine andere Wahl gelassen«, rechtfertige ich mich und fühle mich plötzlich schlecht, obwohl er derjenige ist, der Scheiße gebaut hat.

»Du hättest mit mir reden, mich fragen können, Abigail.«
Ich gebe einen spöttischen Laut von mir. »Als ob du mir die Wahrheit erzählt hättest.«
»Ja, das hätte ich, verdammt!«, fährt er mich an.
»Und wie hätte die ausgesehen? Du hast mir nämlich immer noch nicht erklärt, warum …«
»Halt endlich den Mund und hör mir zu!«, unterbricht er mich barsch und nimmt mein verheultes Gesicht so fest zwischen seine Hände, dass ich nicht wegkomme. »Die Wahrheit ist, dass ich mein Leben mit dir verbringen will. Ich möchte es mit dir teilen und ge- stalten. Angefangen bei einer neuen gemeinsamen Wohnung. Einer, die wir zusammen einrichten. Nach unseren Vorstellungen, unseren Wünschen.«
Meine Augen werden groß.
»Katy ist eine der besten Maklerinnen an der Ostküste und eine Freundin meiner Schwester. Ich kenne sie noch von früher, hab mich

immer gut mit ihr verstanden. Nur deshalb habe ich überhaupt Termine bei ihr bekommen. All die Telefonate, Nachrichten und Treffen hatten nur einen Grund: Ich wollte die perfekte Wohnung für uns. Für dich.«

In meiner Brust wird es eng. »Jayden …«
»Ich wollte ein Apartment, das so einzigartig und schön ist wie du. Aber das ist gar nicht so leicht. Dich habe ich schließlich auch erst nach Jahren gefunden.«
Tränen laufen über seine Finger, die sanft meine Wangen streicheln. »Aber … aber warum hast du mich nicht einfach zu den Besichtigun- gen mitgenommen?«
»Weil ich dich überraschen wollte«, lautet seine logische Erklärung. »Mit einem Apartment? Du bist ja verrückt.«
»Ja, nach dir, Abigail Davis.«
Reumütig schaue ich zu ihm hoch und komme mir so schrecklich dumm vor. »Obwohl ich eine eifersüchtige Dramaqueen war und in dein Handy geguckt habe?«
»Kommt drauf an«, antwortet er mit einem debilen Grinsen und nä- hert sich meinem Gesicht.
»Worauf?«, hauche ich an seinem Mund, der nun knapp über meinem schwebt.
»Wie gedenkst diesen Fehler wiedergutzumachen?«
»Ich tu alles, was du willst«, antworte ich, und das ist nicht mal gelogen.
»Oh, oh … das hättest du nicht sagen sollen«, knurrt er und raubt mir mit einem Kuss, der nach meinen Freudentränen schmeckt, den Atem.

Anya Omah