Sweet as Chocolate

Hot-Chocolate-Quickie

»Sweet as Chocolate«

 

 

eine prickelnde Kurzgeschichte

 

 

von Charlotte Taylor

1. Gruß aus der Küche

 

»Mach die Augen zu und lass es einfach wirken!«

Alex gehorchte resigniert. Er hatte inzwischen eingesehen, dass es gar nichts brachte, gegen Bellas »Wünsche« zu rebellieren. Sie hatte ziemlich präzise Vorstellungen – von so gut wie allem – und setzte sie mit einer beinahe erschreckenden Vehemenz auch durch. Mit einem leisen Seufzer lehnte er sich in seinem Sessel zurück, öffnete mit geschlossen Augen den Mund und empfing einen Löffel mit der flaumigsten Schokoladenmousse, die er in seinem ganzen Leben jemals gekostet hatte. Eine orale Explosion, die seine Geschmacksknospen auf der Zunge Samba tanzen ließ. Oder eher einen ungezügelten, leidenschaftlichen Tango, denn da war dieses dunkle, geheimnisvolle Bukett, durch das er fast die Kontrolle verlor.

Es war drei Wochen her, dass in Alexander Masters Leben nichts mehr in den bisherigen, wohlgeordneten Bahnen verlief. Dabei kam die Zeitenwende ganz unscheinbar daher. Buchstäblich, denn als Isabella Martino das erste Mal ins Hot Chocolate gekommen war, hatte er sie zunächst gar nicht wahrgenommen. Viel zu reizlos und unbedeutend war ihm die knabenhafte, junge Frau mit der dunklen Nerdbrille erschienen. So konnte man sich irren. Ein Fehler, der ihm definitiv nicht mehr passieren würde.

Die flüchtigen, süßen Kakao-Aromen stiegen ihm in den Kopf, doch nun übernahmen mehr und mehr andere Nuancen das Regiment. Der Hauch orientalischer Gewürze, eine winzige Andeutung feuriger Schärfe und eine unbeschreibliche Note von – ihm fehlten die Vergleiche – es schmeckte jedenfalls nach purem Sex. Nach unglaublichem Verlangen und: Bella!

 

~~~

 

Drei Wochen früher: »Schmeckt Ihnen das etwa wirklich?«

Ava blickte überrascht hoch. Am Nebentisch, ihr schräg gegenüber, saß eine Frau und starrte sie mit kritisch gerunzelter Stirn an. Ava ließ ihren angebissenen Burger sinken, kaute und schluckte ihren Bissen hinunter. Dann tupfte sie sich den Mund mit der Serviette ab und antwortete schließlich: »Äh, ja. Stimmt etwas nicht?«

»Ob etwas nicht stimmt?« Die Frau mit den kurzen, dunklen Haaren und der markanten Brille schüttelte konsterniert den Kopf. »Es ist eine Katastrophe. Eine Vergewaltigung der Rohstoffe. Die Kartoffeln für die Pommes wurden viel zu lange in zu kaltem Fett frittiert. Die Salatbeilage, die auf den ersten Blick frisch aussieht, wurde mit einem vollkommen überwürzten Dressing ertränkt, das Brötchen verströmt noch das Aroma seiner Plastikverpackung und das arme Rind, das für den Hamburger sterben musste, wurde praktisch ein zweites Mal getötet!« Ihre Augen funkelten angewidert hinter den Brillengläsern.

»Echt?« Ava war viel zu perplex, um mehr zu dem verbalen Schlachtfest zu sagen. Sie mochte das Essen im Hot Chocolate. Klar, es war keine Haute Cuisine, aber die schnuckelige Café-Bar in Los Angeles hatte sicher auch keinen derartigen Anspruch. Sie wusste, dass Freddy, der Besitzer, großen Wert auf gute Zutaten legte, aber serviert wurde klassische amerikanische Fastfood-Küche, gelegentlich aufgepimpt mit exotischen Snacks, wenn einer der Köche seine italienische oder indische Phase auslebte. Sie sah auf ihren Teller, nahm sich ein Pommes-Stäbchen und biss hinein. Schmeckte wie immer. Wer war diese Frau nur?

»Ich leide körperlich, wenn mit Lebensmitteln so lieblos umgegangen wird«, echauffierte sich die Brillenschlange weiter. Inzwischen hatten auch ihre Wangen ein paar Nuancen Rot zugelegt. »Und fast noch schlimmer finde ich es, wenn sich vollkommen unkritische Gäste das auch noch klaglos gefallen lassen.« Ihr entfuhr ein Klagelaut, der nun auch das Interesse der wenigen anderen Kunden im Restaurant weckte.

Es war später Nachmittag, eine traditionell ruhige Zeit. Die Kaffee trinkenden Mütter und Studenten hatten bereits das Feld geräumt und das Abendpublikum war noch nicht da. Ava war jedoch von einer Sechsunddreißig-Stunden-Schicht im Krankenhaus zurückgekommen und so erschöpft, dass sie kurz erwogen hatte, einfach direkt ins Bett zu kippen. Doch der Hunger war größer gewesen. Eigentlich hatte sie nur schnell einen Burger essen wollen, um dann die nächsten zehn Stunden im Tiefschlaf zu verbringen. Diese kulinarische Komplikation war jedenfalls nicht eingeplant gewesen. Hilflos suchte sie den Blick von Kellnerin Fay, die den Wink aber glücklicherweise sofort verstand und zum Tisch geeilt kam.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte sie Ava.

»Bei mir schon. Glaube ich jedenfalls.« Ava sah ein wenig ratlos ihren halbgegessenen Burger an. »Aber ich denke, die Dame hier hat ein paar Einwände.«

»Allerdings!«, schnaubte die Angesprochene prompt los und spulte erneut ihre Tirade ab, während sie wild mit ihrer Gabel gestikulierte.

»Jetzt ist die Kuh zum dritten Mal gestorben!«, stellte Ava kichernd fest, als die wütende Kundin ihr Besteck schließlich temperamentvoll in den Fleischklops rammte. Ava fand die ganze Situation inzwischen derart absurd, dass sie einfach nur noch lachen musste. »Fay, vielleicht holst du besser mal Freddy«, schlug sie vor, und die leicht verstörte Kellnerin eilte davon, um ihren Chef zu informieren.

Währenddessen motzte die fremde Frau weiter, glücklicherweise mit leiserer Stimme, so dass außer Ava niemand sonst etwas davon mitbekam. »Und das nennt sich Urlaub. Das ist der absolute Hohn! ›Fahr nach Kalifornien, tank etwas Sonne und lass dich einfach inspirieren!‹ Wen wollte Mario damit wohl verarschen?«

»Keine Ahnung«, antwortete Ava wahrheitsgemäß, auch wenn sie sich nicht sicher war, ob sie sich überhaupt angesprochen fühlen sollte. Offenbar nicht, denn als Reaktion bekam sie nur einen irritierten Blick. »Sind Sie vielleicht Restaurant-Testerin oder sowas?«, fragte Ava und war sehr erleichtert, als sie Freddy erspähte, der sich dem Tisch näherte.

»Restaurant-Testerin?«, ereiferte sich die Frau empört. »Das fehlte noch!«

»Guten Tag, ich bin Freddy Cooper, der Besitzer dieses Restaurants, das Sie so sehr verärgert«, unterbrach die volltönende Barry White-Stimme das aufgeregte Geplänkel. »Was kann ich tun, damit Sie Ihre Meinung revidieren?« Freddy lächelte freundlich und wirkte so unerschütterlich tiefenentspannt wie immer.

»Werfen Sie Ihren Küchenchef raus!«, platzte es aus der Frau heraus.

»So schlimm?« Er lächelte immer noch. »Außer Ihnen sind alle Gäste zufrieden mit unserem Essen.«

»Dann suchen Sie sich andere Gäste!«

»Das wäre natürlich eine radikale Möglichkeit, aber nicht gut für mein Geschäft«, gab er zu bedenken. »Ich wollte Ihnen eigentlich einen hausgemachten Cheesecake anbieten, aber das wage ich nun nicht mehr.« Er zwinkerte Ava zu, die ihn voller Bewunderung anstarrte. Die Brillenfrau schüttelte jedoch vehement den Kopf. »Darf ich mich stattdessen vielleicht zu Ihnen setzen? Sie scheinen interessante Ideen zu haben.«

»Bitte«, entgegnete sie spröde und deutete vage auf die drei leeren Stühle.

Der voluminöse Freddy – nicht nur seine Stimme erinnerte an Barry White – setzte sich seitlich an den Tisch, so dass sein breiter Rücken Ava die Sicht versperrte. Dann fragte er mit leiser Stimme. »So, was genau brennt Ihnen denn nun auf der Seele?«

 

Ava bedauerte es ein wenig, dass sie auf so wenig subtile Art ausgeschlossen wurde, beendete aber rasch ihr Essen, das ihr plötzlich tatsächlich nicht mehr ganz so gut schmeckte wie noch vor wenigen Minuten. Sehr merkwürdig. Sie warf einen letzten Blick auf das seltsame Duo am Nebentisch, das inzwischen angeregt tuschelte, stand auf und wollte sich über den Hinterausgang verziehen, als Alex sie am Tresen abpasste, wo er gerade Gläser polierte.

»Was war das denn für eine merkwürdige Szene?«, wollte der Barchef des Hot Chocolate wissen.

»Keine Ahnung«, gähnte Ava. »Sie hat irgendwas von doppelt toten Kühen erzählt und dass sie eigentlich im Urlaub ist. Ich bin mir sicher, Freddy findet auf seine unnachahmliche Art heraus, aus welcher Anstalt sie entflohen ist.«

»Du meinst, sie ist nicht ganz sauber da oben?« Er tippte mit der rechten Hand an seine Stirn.

»Ich weiß es wirklich nicht. Vielleicht ist ihr nur eine Laus über die Leber gelaufen oder sie wurde von ihrem Freund verlassen oder hat ihren Job verloren. Oder hat zu wenig Schlaf abbekommen. Die Menschen verhalten sich aus so vielen Gründen häufig seltsam. Vielleicht ist sie auch einfach ganz normal. Aber ich werde es heute nicht mehr herausfinden, denn ich schlafe gleich im Stehen ein.« Sie gähnte so stark, dass ihre Augen tränten.

»Mach das, Prinzessin.« Alex nickte ihr kurz zu und sah dann noch einmal zu dem Tisch, an dem Freddy und die mysteriöse Frau die Köpfe zusammensteckten. Er zuckte mit den Schultern und kümmerte sich wieder um seine Gläser. So spannend schien es nicht zu sein, was da passierte. Die Tür öffnete sich und ein lärmender Trupp strömte herein, der gleich darauf seinen Tresen belagerte. Augenblicke später hatte Alex die Szene und die sonderbare Frau vergessen.

 

 

2. Aperitif

 

»Wow, was ist das denn?«, entfuhr es Alex, als er am nächsten Tag zu seiner Schicht erschien. Auf einem Teil seines Tresens und auf einem Tisch war ein kleines Büffet aufgebaut, das ihn vage an einen lange zurückliegenden Besuch in Italien erinnerte. Dort gab es in vielen Bars am frühen Abend Aperitif-Drinks, zu dem kleine Köstlichkeiten gereicht wurden. Er hatte damals Freddy davon berichtet und sie hatten ein Weilchen den halbherzigen Versuch unternommen, im Hot Chocolate den italienischen Aperitivo einzuführen, doch die Stammgäste konnten sich nicht so recht dafür erwärmen.

»Das hat Bella gemacht«, raunte Fay mit fast ehrfürchtiger Stimme.

»Bella?« Der Name war Alex völlig neu. Er verzog sich hinter den Tresen, band sich seine Barschürze um, wusch sich die Hände und nahm die Häppchen, die seinen Arbeitsplatz blockierten, etwas genauer unter die Lupe. Sahen lecker aus.

»Bella hat heute Morgen angefangen«, flüsterte Fay und warf einen verstohlenen Blick in Richtung Küchentür.

»Aha. Ich wusste gar nicht, dass wir wieder neues Küchenpersonal gesucht haben«, murmelte Alex und steckte sich einen kleinen, knusprigen Würfel in den Mund, von dem er auf den ersten Blick nicht sagen konnte, worum es sich handelte. Nach dem ersten Bissen hielt er überrascht inne. Was auch immer es war, es schmeckte göttlich. Im Kern des knusprig ausgebackenen Brotwürfels steckte eine feine Creme, deren Komposition er sich auf Anhieb nicht zusammenreimen konnte. Neugierig nahm er sich einen weiteren Würfel und brach ihn vorsichtig mit den Fingern auseinander. Er roch an der hellen, cremigen Füllung, kam aber nicht darauf, was genau da wohl drin sein mochte.

»Sie verrät es nicht.« Fays Stimme hatte immer noch ihren konspirativen Tonfall und sie ließ die Küchentür nicht aus den Augen. »Sie sagt, wer es nicht schmecken kann, ist ein unfähiger Amateur.«

»Charmante Person, diese Bella.« Alex runzelte die Stirn. »Ich frage mich nur, warum Freddy sie eingestellt hat, wo er doch Harmonie mehr als alles andere schätzt.« Er blickte sich skeptisch um. Viele Gäste waren noch nicht im Hot Chocolate, aber die wenigen hatten allesamt Teller mit einer Auswahl der kleinen Häppchen vor sich stehen und futterten mit offensichtlicher Verzückung. Genau wie der mexikanische Barista Carlo und die Kellnerinnen Lily und Amber. Was hatte er hier bloß verpasst? Normalerweise wusste Alex über wirklich alles im Hot Chocolate Bescheid.

»Freddy hat sie nicht eingestellt«, erklärte ihm Fay. »Sie hat sich praktisch selbst eingestellt.« Alex starrte sie nur irritiert an, daher fuhr sie fort: »Hast du denn nicht gesehen, wie sie und Freddy gestern Abend noch in der Küche verschwunden sind?« Er schüttelte wortlos den Kopf. »Was genau dort passiert ist, habe ich auch nicht mitbekommen, aber offenbar gab es eine Art Testessen. Niko hat einen seiner Burger zubereitet und sie ebenfalls. Und dann ist es in der Küche sehr laut geworden. Ich kann nicht glauben, dass du das nicht gehört hast.«

»Ich war beschäftigt. Ich musste die Bar gestern praktisch alleine schmeißen, weil sich Lance krankgemeldet hat.« Er biss gedankenverloren in den nächsten Brotwürfel, dann dämmerte ihm etwas. »Diese Bella ist doch nicht etwa die Verrückte mit der Brille, die gestern diese peinliche Szene angezettelt hat?«

»Damit meinst du wohl mich.«

Alex sah erstaunt nach unten. Da stand sie vor ihm. Ein winziges Geschöpf mit knabenhafter Figur, kurzen dunklen Haaren und angriffslustig glitzernden schwarzen Augen hinter einer riesigen Nerdbrille. Sie trug eine schwarze Kochuniform, die ihr mindestens zwei Nummern zu groß war, und hatte ihre Arme vor der Brust verschränkt. Er seufzte und murmelte dann: »Wenn das mal nicht Freddys neuestes Charity-Projekt ist …«

»Ich bin dann mal weg.« Fay sah nervös zwischen Bella und Alex hin und her und verzog sich dann in den hintersten Winkel des Cafés. Sie hatte schon Bekanntschaft mit dem ungestümen Temperament der Neuen gemacht und traute ihr ohne weiteres zu, dass sie aus einer der tiefen Taschen ihrer Kochjacke ein Messer hervorzog und es Alex zwischen die Rippen rammte. Seit sie heute Mittag ihre Schicht begonnen hatte, waren schon zwei Küchenmitarbeiter mit Tränen in den Augen geflohen. Fay hatte keine Ahnung, was der Hintergrund war, aber sie zog es vor, die Schusslinie zu verlassen. Denn dass Bella bleiben würde – zumindest in der nächsten Zeit – das hatte Freddy vorhin unmissverständlich klargemacht.

 

~~~

 

»Du musst an deiner Außenwirkung arbeiten!« Warum dröhnte dieser Satz, den ihr Kieran ständig um die Ohren geschleudert hatte, ausgerechnet jetzt in ihrem Kopf herum? Sie hatte zu diesem Bar-Typen exakt einen Satz gesagt – noch nicht einmal unfreundlich, sondern vollkommen sachlich. Und er betrachtete sie, als sei sie eine kleine, unzurechnungsfähige Küchenhilfe und nicht Isabella Martino – jüngste Drei-Sterne-Köchin der Ostküste. Andererseits, warum sollte er sie auch kennen? Wenn sie eines während ihrer inzwischen vierwöchigen Auszeit festgestellt hatte, dann dass man sich in Kalifornien für eine Menge Dinge interessierte, aber definitiv für nichts Wichtiges. Hier hatte sie noch keiner erkannt, während sie in New York nicht mal einen Bagel in einer kleinen Bäckerei kaufen konnte, ohne einen Hype auszulösen. »Bella Martino adelt Bagel-Bakery« – kein Wunder, dass sie kurz vor der Klapsmühle stand.

Mit vierundzwanzig hatte sie sich im Restaurant ihres Onkels den ersten Michelin-Stern erkocht. Mit sechsundzwanzig kam der zweite hinzu und die einst so simple »Trattoria Martino« hatte sich zu einem der begehrtesten kulinarischen Hot-Spots im Big Apple gemausert. Vor vier Monaten hatte es dann unglaublicherweise den dritten Stern und somit die höchsten Weihen eines jeden Kochs gegeben. Mit siebenundzwanzig! Sie hatte nun nicht nur eine gut dreißigköpfige Küchencrew, sondern auch noch einen Publizisten. Kieran kümmerte sich um sämtliche Anfragen für Kochshows, Interviews, TV-Auftritte, Kochbücher und sorgte sich um ihre Außenwirkung. Außerdem hatte sie einen formidablen Burnout und war deshalb von Onkel Mario nach Kalifornien geschickt worden, um sich zu erholen. Nein, er hatte es anders formuliert: »Lass dich inspirieren vom pazifischen Lebensgefühl!« Doch sie war nicht blöd. Er wollte schlicht verhindern, dass sie dem Restaurant Schaden zufügte, und hatte sie deshalb so weit wie möglich weggeschickt, ohne dass sie das Land verlassen musste.

Die letzten Monate waren die Hölle gewesen. Sie hatte fast jeden Tag achtzehn Stunden gearbeitet, und auch wenn Kochen ihre Leidenschaft war und sie nichts anderes machen wollte, der Druck war einfach zu groß geworden. Und der Preis für den Ruhm zu hoch. Sie erinnerte sich mit Grausen an all die Substanzen, die sie sich in den letzten Jahren in immer höherer Dosierung eingeworfen hatte, um leistungsfähig zu bleiben. Ihre Nerven hatten dabei gelitten und noch viel schlimmer: Ihr unbestechlicher Geschmackssinn war ihr Stück für Stück abhandengekommen.

Sie fühlte sich wie amputiert. Sie, die ein Naturtalent in der Küche war. Es gab Menschen, die das absolute Gehör hatten, ihr war ein besonders sensibler Geschmacks- und Geruchssinn in die Wiege gelegt worden und dazu ein fast schlafwandlerisches Gefühl dafür, wie man einzelne Aromen zu etwas ganz Neuem kombinieren konnte. Als sie vor fünf Wochen nicht mal mehr in der Lage war, Tonkabohnen von Vanille geschmacklich zu unterscheiden, hatte sie einen Nervenzusammenbruch erlitten und war in ihrer Küche komplett ausgerastet. Vier Tage später hatte sie Mario nach Los Angeles verfrachtet, in die leerstehende Wohnung seiner Cousine Miranda. Seitdem ließ sie sich durch diese überhitzte Spaßmetropole treiben, genoss die ungewohnte Anonymität – und verzweifelte an der lokalen Küche. Wie konnte man so wenig aus diesen ganzen tollen Zutaten machen, die es hier wirklich an jeder Ecke zu kaufen gab?

Mario hatte ihr eingeschärft, dass sie alles machen sollte, nur nicht kochen. Doch sie hatte seit ihrem achtzehnten Lebensjahr nichts anderes gemacht als zu kochen. Was auch? Sie interessierte sich nicht für Kunst, machte sich nichts aus Tagen am Strand, hatte keine Hobbys. Stattdessen hing sie sehnsüchtig auf den Biobauernmärkten herum, die es hier in jedem Viertel gab, war mit einem Fischer aufs Meer gefahren und hatte gegessen. Selten wirklich schlecht, aber kein einziges Mal auch nur annähernd gut. Und gestern war sie hier in dieser Café-Bar namens Hot Chocolate gelandet. Der schwungvolle Schriftzug an der Backsteinmauer des alten Gebäudes hatte sie irgendwie angesprochen und voller Hoffnung hatte sie den Laden betreten. Doch den Hamburger, der ihr serviert wurde, konnte sie nicht unkommentiert lassen. So konnte man nicht mit Lebensmitteln umgehen, die offenbar hochwertig und frisch waren.

Erstaunlicherweise hatte Freddy Cooper, der Besitzer der Bar, sehr souverän reagiert und sie in seine Küche geführt. Nach fast fünf Wochen Abstinenz hatte sie gestern endlich wieder am Herd gestanden und es war absolut herrlich gewesen. Sie hatte nur ein paar ganz simple Gerichte gekocht. Einen Hamburger gegrillt, perfekte Pommes frittiert und ein Omelett gezaubert, das Freddy Cooper die Tränen der Verzückung in die Augen getrieben hatte. Sie hatte gefragt, ob sie ein Weilchen für ihn arbeiten dürfte, er hatte freudig zugesagt – ohne sich nach ihren Qualifikationen und Referenzen zu erkundigen. Ihre Fähigkeiten waren für ihn Empfehlung genug. Heute Morgen war sie mit Küchenchef Niko Einkaufen gewesen, und nach einigen kleineren Diskussionen hatte er ihr freie Hand in seiner Küche gegeben. Sie war glücklich. Doch was hatte dieser Bar-Typ gerade zu ihr gesagt? Dass sie Freddys neuester Charity-Fall sei? Sie musterte ihn interessiert: Er war groß und wirkte ziemlich athletisch. Läufer, vermutete sie. Sein dunkles Haar war grau gesträhnt – womit er älter wirkte, als er vermutlich war. Seine wachen, graublauen Augen sahen sie halb spöttisch, halb überheblich an. Na warte, dachte sie und grinste. »Schon möglich«, antwortete sie.

3. Vorspeise

 

»Gute Nacht«, rief Alex den letzten beiden Kolleginnen hinterher, die gegen halb drei Uhr morgens die Bar verließen. Es war ein langer Abend gewesen, wie eigentlich immer freitags. Die letzten Gäste hatten sich vor etwa zwanzig Minuten verabschiedet, und Amber, Carlos und er hatten noch gemeinsam aufgeräumt. Freddy hatte sich bereits gegen zehn Uhr verabschiedet, weil er den Gig einer befreundeten Sängerin nicht verpassen wollte, daher war es nun an Alex, abzurechnen. Ihm machte das nichts aus. Er genoss die ruhige Zeit nachts allein in der Bar. Während der Arbeit trank er so gut wie keinen Alkohol, aber jetzt setzte er sich mit einem Bier an den Tresen, addierte die Bons und machte Kassensturz.

Plötzlich hörte er ein Geräusch aus der Küche. Merkwürdig, denn im Hot Chocolate gab es nur bis elf Uhr abends warmes Essen und die Küchencrew war in der Regel spätestens um Mitternacht weg. Wahrscheinlich hatte er es sich nur eingebildet. Er schüttelte den Kopf und vertiefte sich wieder in seine Belege. Doch da war es wieder, das leise Klappern. Hatten die Küchenleute vergessen, die Hintertür abzuschließen? Es wäre nicht das erste Mal gewesen – und auch nicht, dass dann nachts Obdachlose in der Küche nach Essen gesucht hatten. Alex stand leise auf, griff sich den Baseballschläger, den er hinterm Tresen deponiert hatte, und ging zur Tür. Dort lauschte er. Das Klappern hatte aufgehört, dafür nahm er jetzt ein schabendes Geräusch wahr. Den schweren Holzknüppel in Angriffsposition in der Hand, öffnete er vorsichtig die Tür.

Die Küche war bis auf zwei Punktstrahler über der zentralen Arbeitsinsel dunkel. Dahinter stand Bella mit geschlossenen Augen und konzentriertem Gesichtsausdruck und zog ein bedrohlich großes Messer über einen Schleifstein. Alex ließ geräuschlos Arm und Schläger sinken und betrachtete das Schauspiel. Auf der Arbeitsfläche hatte Bella etliche Zutaten aufgereiht, die wenigsten davon hätte er auf Anhieb benennen können. Es sah eher aus wie in einem Labor als in einer Küche. Sie hatte die unförmige, schwarze Kochjacke ausgezogen und trug nur noch ein geripptes, weißes Top, das wie ein Männerunterhemd aussah. Keinen BH. Er wunderte sich, dass ihm das auffiel, denn diese Bella war optisch überhaupt nicht sein Fall und machte ihrem Namen definitiv keine Ehre. Als klassische Schönheit konnte man sie sicher nicht bezeichnen – und nach seinen persönlichen Kriterien blieb sie geradezu unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Er liebte seine Frauen groß, blond und kurvig. Dieses winzige Persönchen war praktisch das komplette Gegenteil: klein, schmal und mit kurzen, fast schwarzen Haaren. Und dann auch noch diese absurde Brille.

Er stand reglos im Halbschatten und sie entdeckte ihn auch nicht, als sie die Augen öffnete und sich mit dem frisch geschliffenen Messer ein Stück Fleisch vornahm. In atemberaubender Geschwindigkeit und gleichzeitig mit vollendeter Eleganz schnitt sie das Rinderfilet in winzige Stückchen. Alex fragte sich, warum sie dafür nicht den Fleischwolf nahm. Das schien ihm schneller zu gehen. Sie gab das Fleisch in eine Glasschüssel, würzte es mit einigen der Zutaten, die vor ihr standen und vermischte alles gründlich. Schließlich schob sie sich einen Löffel davon in den Mund, schloss wieder die Augen und kaute langsam und konzentriert.

»Möchtest du auch probieren?«

Alex erschrak derart, als sie ihn ansprach, dass ihm der Baseballschläger polternd aus der Hand fiel. »Woher wusstest du, dass ich hier bin?«, krächzte er.

»Du bist nicht eben dezent«, beschied sie knapp. »Der Luftzug, als du die Tür geöffnet hast, dein Geruch, die veränderte Atmosphäre.« Sie zuckte mit den Schultern, als sei diese Art der Wahrnehmung die normalste Sache der Welt.

»Du kannst mich riechen?« Alex kratzte sich am Kopf und schnupperte dabei diskret an seiner Achsel. Ihm fiel kein übermäßiger Körpergeruch an sich auf.

»Selbstverständlich. Jeder Mensch hat einen ganz spezifischen Geruch. Bei dir ist es eine ziemlich interessante Mischung aus Salzwiesengras, altem Leder und Lakritz. Dazu kommt dein Aftershave, das wirklich eine ausgezeichnete Wahl ist, denn es gibt dem Leder eine frische Note und balanciert den Gesamteindruck sehr gut aus. Olfaktorisch bist du bei mir schon mal ganz vorne mit dabei – der Rest wird sich zeigen. Möchtest du nun probieren?« Sie hielt ihm einen Löffel mit der Fleischfarce entgegen.

Alex starrte sie nur mit offenem Mund an. Wer oder was war diese Frau? »Bist du ein Hund oder sowas?«, platzte es aus ihm heraus.

Sie schüttelte enttäuscht den Kopf. »Dass die aromatischsten Menschen immer die größten Idioten sein müssen?« Sie schob sich den Löffel, den sie eigentlich für Alex vorgesehen hatte, selbst in den Mund und spürte langsam Textur und Geschmack nach. »Zur Perfektion fehlt nur noch ein Hauch Ginseng, aber den gibt es in dieser Amateurküche leider nicht.«

»Wer bist du? Was tust du hier?«

»Ich bin Bella Martino. Ich koche.« Sie sprach mit dem nachsichtigen Tonfall einer Grundschullehrerin, die ein besonders auffälliges ADHS-Kind zur Mitarbeit motivieren wollte. Wir sind in der Schule. Wir lernen.

»Schön, Bella.« Alex räusperte sich vernehmlich. »Ich glaube, wir haben uns auf dem falschen Fuß erwischt. Also ich bin Alex Masters und hier im Hot Chocolate der Barchef. Ich weiß hier über alles Bescheid, also wenn du Fragen hast, kannst du dich gerne an mich wenden.« Er reichte ihr lächelnd die Hand. Als Friedensangebot. Als Neustart. Gleichzeitig hatte er keine Ahnung, warum er das tat und warum er diese kleine Nervensäge nicht einfach vor die Tür setzte. Altes Leder?

Sie nahm seine Hand, schüttelte sie aber nicht etwa, sondern betrachtete seine Rechte eingehend. »Interessant«, murmelte sie.

Er zog seine Hand wieder weg und fauchte. »Was ist interessant?«

Sie antwortete nicht, sondern ging zum Herd und entzündete eine Gasflamme. »Setz dich. Du kannst dich genauso gut auch nützlich machen.«

Er setzte sich wortlos an den Küchentisch und sah zu, wie sie eine Pfanne hervorholte, etwas Öl darin erhitzte und aus der Fleischfarce zwei kleine flache Burger formte. Während sie brieten, richtete sie zwei Teller an mit jeweils einem Klecks roher Fleischmasse, einem für Alex undefinierbaren Häufchen grüner Materie und etwas Rotem, das ihn vage an Tomatensalat erinnerte. Dazu legte sie zwei unterschiedliche Kräcker. Dann verschwand sie kurz im Barbereich und kam Augenblicke später mit drei Flaschen Gin zurück. Er wollte schon protestieren, doch sie winkte mit einer scharfen Handbewegung ab, und so schloss er seinen Mund wieder und wartete einfach, was passierte. Bella holte sechs kleine Gläser hervor und präparierte jeweils zwei mit der gleichen Zutat, die er aber nicht identifizieren konnte. Dann goss sie die Gins darüber, füllte die Gläser mit eisgekühltem Tonicwater auf und stellte sie auf den Tisch.

»Finger weg!«, rief sie laut, als Alex nach einem Drink greifen wollte. Als er erschrocken zurückzuckte, fügte sie etwas sanfter hinzu: »Nur noch einen Augenblick. Timing und richtige Reihenfolge sind entscheidend.« Sie wandte sich wieder der Pfanne zu und legte die fertig gebratenen Fleischklopse zu den anderen Zutaten auf den Teller. »Guten Appetit.« Sie servierte ihm ihre Kreation und setzte sich mit ihrem Teller ihm gegenüber.

Er rührte sich nicht von der Stelle, sondern sah sie so misstrauisch lauernd an, bis sie zu lachen anfing. Das ganze Spektakel hatte maximal fünf Minuten gedauert und die Effizienz und gleichzeitige Anmut ihrer Bewegungsabläufe hatten ihn nachhaltig fasziniert. Wer auch immer diese Bella war, sie kannte sich in einer Küche aus. Und offenbar auch in einer Bar, denn nun deutete sie auf ein Glas, das ihm am nächsten stand. »Damit fangen wir an. Hendricks Gin mit einem Jus aus Babygurken und einem Hauch gemörserten langen Pfeffer.« Sie hob ihr Glas und prostete ihm zu.

Er beobachtete, wie sie einen kleinen Schluck nahm und die Flüssigkeit bei geschlossenen Augen einen kleinen Moment im Mund behielt, ehe sie schluckte. Das zarte Zucken ihres Halses erinnerte ihn an etwas, das er aber nicht greifen konnte. Eine unerklärliche Sehnsucht breitete sich in ihm aus.

»Und? Wie findest du ihn?«, fragte sie, als sie die Augen wieder öffnete.

»Ich habe noch nicht probiert«, gab er zu, nahm dann aber rasch das Glas, roch daran – das vertraute Aroma aus Gin mit Gurke und Pfeffer stieg ihm in die Nase, keine Überraschung hier – und nahm einen großen Schluck. »Hm.« Er hätte gerne »wow« gesagt, aber wollte ihr diesen Triumph nicht gönnen. Gin Tonics gehörten nicht zu seinen bevorzugten Getränken, aber natürlich hatte er alle Spielarten drauf. Zumindest war er bis vor wenigen Augenblicken davon überzeugt gewesen. Und ja, es war ein Klassiker, Hendricks Gin mit Gurke und Pfeffer zu aromatisieren, aber das, was er hier in seinem Glas vorfand, hatte er noch nie gekostet.

»Es kommt eben nicht nur auf die richtigen Zutaten an, sondern vor allem auch auf die richtige Zubereitung«, sprach sie aus, was er sich dachte. »Das gilt auch für diesen Hamburger.« Bella deutete auf ihre Teller.

»Das ist ein Hamburger?« Seine Kommentare waren auch schon mal origineller gewesen, das wusste er selbst, aber alles an diesem Szenario verunsicherte ihn zutiefst. Vor allem der mitleidsvolle Blick, mit dem sie ihn nach seiner dummen Frage fixierte. Fehlte nur noch ein tiefer Seufzer.

Den ersparte sie sich und ihm jedoch und bat stattdessen: »Probier erst einen Bissen von dem rohen Fleisch.«

»Aber das ist roh!«

Jetzt kam der tiefe Seufzer. »Freddy Cooper scheint wirklich ein Faible für schwierige Fälle zu haben …« Sie sah ihn an und schien über eine neue Herangehensweise nachzudenken.

Ärger durchzuckte Alex und noch ein weiteres Gefühl, das er erheblich verstörender fand. Er schämte sich dafür, dass er ganz offenbar ihren Ansprüchen nicht genügte. Was um alles in der Welt war hier los? Er nahm seine Gabel, häufte ein wenig von der rohen Fleischfarce darauf, schob sie in seinen Mund und schluckte sie praktisch umgehend hinunter. Doch selbst in der kurzen Zeit, japsten seine Geschmacksknospen auf vor Freude und er nahm sofort einen zweiten Bissen. Diesmal ließ er sich Zeit. Er untersuchte das Fleisch mit der Zunge, drückte es etwas an den Gaumen und schmeckte eine Vielzahl an Aromen. »Das ist der absolute Wahnsinn«, entfuhr es ihm, als er schließlich geschluckt hatte.

Sie lächelte zufrieden und er freute sich über diese winzige Geste der Wertschätzung so sehr, dass auch er breit grinste.

»In Italien nennt man es ›carne cruda‹, rohes Fleisch«, erklärte sie. »Mit der richtigen Zubereitung ist es eine Delikatesse. Ähnlich wie Sushi, wenn du so willst.« Er nickte beeindruckt und sie fuhr fort. »Das Fleisch darf nur mit dem Messer geschnitten werden, das ist essentiell. Der Fleischwolf zerstört die zarte Struktur und ruiniert den Geschmack. Probier mal die gebratene Variante.«

Diesmal zögerte er nicht, sondern schnitt sich gehorsam ein Stück ab. Der Burger schmeckte einzigartig. »Was ist das alles?« Er deutete auf die grüne und rote Masse.

»Ein Tomatenchutney und eine Variation aus sautierten grünen Salaten mit karamelisierten Zwiebeln. Ich habe nur die Zutaten verwendet, die man für einen klassischen Hamburger nimmt. Plus ein wenig mehr Liebe und Leidenschaft.«

Er schwieg beeindruckt und probierte alles. Er hatte sich selbst bislang immer als Gourmet bezeichnet, aber ein Geschmackserlebnis wie dieses hatte er noch nie gehabt. Das Gleiche galt für die beiden anderen Gin Tonic-Varianten, die ähnlich überraschend wie die erste ausfielen. Das Gefühl der Sehnsucht, das ihn vorhin schon angeflogen hatte, verstärkte sich immer mehr und zu seiner Überraschung stellte er fest, dass es sich in seiner Hose manifestierte. Er hatte eine gewaltige Erektion – vom Essen! Vergleichbares war ihm in den fünfunddreißig Jahren seines Lebens auch noch nie passiert.

Unfassbar. Aber es musste das Essen sein, denn an Bella konnte es nicht liegen. Sie war … er taxierte ihren zarten Hals, ließ seinen Blick über die eher knochigen Schlüsselbeine gleiten und blieb schließlich an ihren Brustwarzen hängen, die sich leicht durch den gerippten Stoff des Tops drückten. Er schluckte. Nein, das konnte es definitiv nicht sein. Themenwechsel, er brauchte dringend Ablenkung. »Sag mal«, fing er an. »Was würde ich herausfinden, wenn ich deinen Namen google?« Huschte da ein Schatten über ihr Gesicht?

»Sicherlich eine ganze Menge«, gab sie nach einem winzigen Augenblick des Zögerns zu. »Aber ich finde, du solltest uns den Spaß nicht verderben.«

»Welchen Spaß?«

»Na, unser Kennenlernen.«

»Unser Kennenlernen?«

»Du bist nicht der Hellste, oder?« Wieder ein tiefer Seufzer von ihr, bei der sich ihr Brustkorb hob und senkte – und sich ihre Nippel noch deutlicher abzeichneten. »Wir werden uns noch sehr gut kennenlernen. Aber heute nicht mehr.« Damit stand sie auf und begann, erst den Tisch und dann ihre Arbeitsfläche aufzuräumen. Nach ein paar Minuten war sie damit fertig, zog ein unförmiges rotes Hoodie über den Kopf und verabschiedete sich mit einem Winken von der Hintertür. »Wir sehen uns.«

 

 

 

4. Hauptspeise

 

Bella schlief nicht gut in dieser Nacht. Das war zwar keine Überraschung, denn so ging es ihr seit Jahren, doch diesmal hatte die Schlaflosigkeit eine neue Qualität. Sie war so glücklich gewesen, als sie Alex in ihrer Küche gerochen hatte. Das war ihr seit ewigen Zeiten nicht mehr gelungen – Koks sei dank. Doch nun war sie seit ein paar Wochen komplett runter von all den Aufputsch- und Beruhigungsmitteln und ihre Sinne kamen wieder. Als sie also vor ein paar Stunden allein in der Küche stand, konzentriert auf ihre Zutaten, hatte sie ihn plötzlich wahrgenommen, diesen einzigartigen Cocktail, der die Essenz von Alex Masters widerspiegelte. In diesem Moment wusste sie ganz sicher, dass Alex ihr Mann war!

Dumm nur, dass sie erstens gar nicht auf der Suche nach einem Mann und zweitens diese Art von Komplikation so ziemlich das Letzte war, was sie derzeit in ihrem Leben brauchen konnte. Trotzdem hatte es ihr noch nie so viel Spaß gemacht für jemanden zu kochen wie für ihn. Dass sie ihn dabei zusätzlich komplett aus dem Tritt gebracht hatte – sie ging einfach davon aus, dass er normalerweise etwas intelligenter agierte –, war dem Reiz des Spiels nicht gerade abträglich gewesen. Seinen Blick zu spüren, hatte sie erregt wie eine konkrete Berührung. Es war ein Weilchen her, dass sie das letzte Mal Sex gehabt hatte, und noch nie hatte ein Partner so gut gerochen wie dieser Alex. Sie malte sich aus, wie er wohl schmeckte … Stöhnend schob sie ihre Hand zwischen die Beine und rieb hart und schnell über ihre Klitoris, doch der Höhepunkt brachte nicht ansatzweise die gewünschte Erlösung. Sie würde erst dann zur Ruhe kommen, wenn sie Alex mit allen Sinnen und mit Haut und Haaren haben konnte.

 

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Alex schlief nicht gut in dieser Nacht und das fand er höchst irritierend, denn normalerweise war er sofort weg, sobald sein Kopf das Kissen berührte. Zumindest wenn er alleine war. Hatte er Begleitung, sank er erst dann in den Tiefschlaf, nachdem er seine Partnerin befriedigt hatte und selbst gekommen war. Dann aber so nachhaltig, dass er meist nicht einmal mitbekam, wenn die entsprechende Dame sein Bett wieder verließ. Das war nicht besonders nobel von ihm, ersparte ihm aber einen Haufen Komplikationen.

Doch diesmal wollte der Schlaf nicht kommen. Seine unglaubliche Erregung war zwar inzwischen abgeklungen, nachdem er sich zweimal wie ein pubertierender Teenager selbst befriedigt hatte – das erste Mal noch in der Personaltoilette im Hot Chocolate. Geblieben waren diese unerklärliche Sehnsucht und eine nervöse Unruhe, wie er beides noch nicht erlebt hatte.

Immer wenn er die Augen schloss, sah er Bella vor sich. Dieses kleine, auf den ersten Blick vollkommen reizlose Persönchen. Wobei, wenn er ehrlich war, unscheinbar war nicht die richtige Beschreibung. Sie war auf ungewöhnliche Art attraktiv und er war sich sicher, dass es Männer gab, die voll auf sie abfuhren. Doch nicht er – sie entsprach definitiv nicht seinem Beuteschema. Trotzdem war sie auf eine nerdige Art sexy. Wie sich ihre dunklen Brauen in irritiertem Schwung über den Rand ihrer Brille hoben, wenn er etwas besonders Dämliches sagte. Wie sich ihre zwar nicht besonders vollen, aber stark pigmentierten roten Lippen öffneten, wenn sie im Begriff war, sich einen Happen ihrer Köstlichkeiten in den Mund zu schieben. Dann dieser unglaublich zarte Hals und die dunkel schimmernden Knospen ihrer winzigen Brüste. Sein Schwanz regte sich schon wieder. Gott, war er am Arsch! Während er mit dem Daumen über seine Eichel strich und dann mit gleichmäßigen Pumpbewegungen begann, versprach er sich selbst, dass er dem Spuk am nächsten Abend ein Ende bereiten würde – indem er herausfand, welch Delikatesse Bella sonst noch so für ihn bereit hielt.

 

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Doch es dauerte, bis er Bella überhaupt wieder zu Gesicht bekam – zumindest allein. Am nächsten Abend stieg, wie so häufig an Samstagen, eine große Party im Hot Chocolate. Sein Kumpel Chris hatte einen Auftritt mit seiner Band »Shut Up And Sing«, bei dem nach längerer Zeit sogar Ava mal wieder mitmachte. Es lag ein unglaubliches Prickeln in der Luft, Pärchen fanden sich, flirteten, knutschten, und er beobachtete das übliche Schauspiel von seiner sicheren Warte aus. Der Tresen war die magische Linie, die ihn von wahren Leben trennte.

Wobei sich die üblichen Verdächtigen ebenfalls wieder vor ihm aufreihten. Sexy Frauen, die ihm mal mehr, mal weniger subtil signalisierten, dass sie durchaus mehr Interesse als nur an einem Cosmopolitan oder Gin Tonic hatten. Er war charmant wie immer, ging aber auf keine der Avancen ein, arbeitete das Ziel seiner Wünsche doch mutmaßlich hinter der Küchentür. Gesehen hatte er Bella allerdings den ganzen Abend nicht, wohl aber geschmeckt. Fay hatte ihm um kurz vor Mitternacht einen Snack serviert – zusammen mit einer kleinen Notiz: Wusstest du, dass sich auch Geruch und Geschmack von Körperflüssigkeiten wie Schweiß, Tränen und Sperma durch unsere Nahrung beeinflussen lassen? Wir sollten das bei Gelegenheit mal vertiefen. Hab noch eine schöne Party – ich gehe jetzt nach Hause. B.

Am liebsten hätte er alles stehen und liegen gelassen und wäre ihr gefolgt, doch sein Pflichtbewusstsein siegte. Er würde warten und die Zeit bis dahin einfach als Vorspiel betrachten, beschloss er und aß die Leckereien, die Bella für ihn zubereitet hatte.

Ein ziemlich langes Vorspiel. Zu lange für seinen Geschmack. Seinen freien Sonntag hatte Alex mit seinen Eltern verbracht, was er lange schon versprochen hatte. Montag und Dienstag war dann Bella weggeblieben – Freddy hatte irgendwas von einem Familiending in New York gemurmelt, aber keine Details verraten. Alex vermutete, dass Freddy deutlich mehr über die geheimnisvolle kleine Köchin wusste, aber absichtlich nichts verriet. Er selbst hatte bisher dem Impuls widerstanden, nachzuforschen, wer denn Bella Martino nun tatsächlich war. Sie war aufgetaucht – und hatte sein Leben verändert. Mit einigen wissenden Blicken hinter ihrer schwarzen Nerdbrille, mit ihrer feinen Nase und ihrer Kochkunst. Außer einem Handshake hatten sie sich nicht berührt und trotzdem war da eine Anziehung, wie er sie noch nie zuvor gespürt hatte. Die Sicherheit, dass sie beide zusammen etwas Besonderes waren.

Es war Mittwoch Mittag und Alex hatte gerade eine ausgedehnte Joggingrunde am Strand hinter sich. Nun saß er in seinem kleinen Lieblings-Café, gönnte sich ein ausgiebiges Frühstück und sinnierte über die Dinge des Lebens. Ach, wem machte er etwas vor? Er dachte an Bella. Und hoffte, sie heute endlich wiederzusehen. Während er gedankenversunken vor sich hinstarrte, nahm er aus dem Augenwinkel ein Bild wahr. Das Cover einer Zeitschrift, die eine Frau am Nebentisch las, um genau zu sein. Es war eines dieser schicken Food-Magazine, die im Moment so beliebt waren, und vom Titel sah ihn Bella mit ihrem undurchdringlichen Blick an. Bella?

»Verzeihung, dürfte ich mal einen Blick auf Ihre Zeitschrift werfen?«

»Sie dürfen sie sogar ganz haben.« Die Frau lächelte ihn an und reichte sie ihm. »Ich will ohnehin gerade gehen und das Heft kommt vom Zeitschriftenhaufen.« Sie deutete vage in eine Ecke des Cafés, in der sich allerhand Lesestoff stapelte.

»Danke«, murmelte Alex und starrte wie gebannt auf das Cover. »Bellas Griff zum dritten Stern«, lautete die Titelzeile und er blätterte, bis er die beeindruckende Geschichte ihrer Karriere fand. Dann sah er sich noch einmal das Cover an. Das Magazin war bereits vor fast vier Monaten erschienen. Was trieb die angesagteste Chefköchin der Ostküste bitteschön in Los Angeles? Und warum hing sie ausgerechnet in der Küche des Hot Chocolate herum? Nun konnte er seine Neugier nicht mehr länger im Zaum halten, zog sein Smartphone hervor und gab »Bella Martino« in die Suchmaschine ein.

Eine halbe Stunde später sah er klarer – und hatte den dringenden Wunsch nach einem Drink, denn das war ja mal wohl ein krasser Lebensentwurf. Er hatte alles über ihren kometenhaften Werdegang gelesen und war dann auf eine kleine Notiz gestoßen, in der von Zusammenbruch, Burnout und Drogen die Rede war. Puh. Besonders intensiv beschäftigte er sich mit dem aktuellsten Treffer seiner Suche. Eine New Yorker Tageszeitung hatte heute früh gemeldet: Aus für Martino? Isabella Martino verlässt ihr 3-Sterne-Restaurant für mindestens ein Jahr, gab heute ihr PR-Manager Kieran Fitzpatrick auf Nachfrage bekannt. Martino, die derzeit an unbekanntem Ort ein Sabbatical einlegt, war gestern in der Stadt, um mit ihrem Onkel, dem Besitzer der ›Trattoria Martino‹, die Details ihres Ausscheidens zu besprechen. Ist das das Ende des Restaurants …

Bedeutete das etwa, dass Bella in Los Angeles bleiben wollte. Bei ihm? Das inzwischen vertraute Gefühl von Sehnsucht machte sich wieder in ihm breit. Gleichzeitig wunderte er sich über sich selbst. Was war nur los mit ihm? Er hatte Bella ein einziges Mal wirklich gesehen und gesprochen. Dabei hatte er kaum einen halbwegs klugen Satz herausgebracht, sondern vor allem peinliche Fragen gebrabbelt. Er kannte sie nicht, hatte bis vor wenigen Minuten nichts von ihr gewusst – und war sich doch absolut sicher, dass sie die richtige Frau für ihn war. Und das, obwohl er nicht auf der Suche war. Ganz im Gegenteil. Von Beziehungen hatte er sich bislang immer ferngehalten wie der Teufel vom Weihwasser. Beziehung? Wie kam er jetzt bitteschön auf Beziehung? Knallten bei ihm nun endgültig alle Synapsen durch? Hatte sie ihn mit ihrem Edel-Tatar verhext? Oder ihren Sprüchen? Egal was es war, er hoffte, dass er sie heute Abend endlich wiedersehen würde.

 

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Sie war frei und das fühlte sich so unglaublich gut an. Und unglaublich ungewohnt. Ihr ganzes bisheriges Leben hatte sich nur ums Kochen gedreht. Schon als kleines Kind hatte sie nichts mehr geliebt, als mit Zutaten zu experimentieren. Die Küche war ihre Welt. Doch jetzt wusste sie, dass ihr das nicht mehr reichte. Bella wollte mehr. Sie wollte die Welt sehen, wollte reisen, neue kulinarische Geheimnisse entdecken. Sie glaubte nicht mehr länger an die Mär ihres Onkels, dass man New York nicht verlassen müsse, um die Welt kennenzulernen. Doch, man musste sogar ganz dringend. Vor allem, um sich selbst kennenzulernen.

Bella saß im Flugzeug, kurz vor der Landung in Los Angeles, und lachte so laut und befreit auf, dass sie von ihren Sitznachbarn irritierte Blicke erntete. Ihr Onkel war schockiert gewesen, als sie ihm ihre Entscheidung mitgeteilt hatte, doch da musste er nun durch. Er hatte schließlich jahrelang von ihr und ihrem Hang zur Selbstausbeutung profitiert. Sie war sich sicher, dass er eine Lösung finden würde. Ihr selbst bedeuteten die drei Sterne rein gar nichts. Oder zumindest nichts mehr. Diese Auszeichnung war schlicht nicht mehr wichtig. Sie wollte einfach wieder so kochen, wie es ihr gerade in den Sinn kam. Und vor allem für Alex.

Sie wusste, dass es in den Ohren der meisten Menschen sehr seltsam klingen mochte, aber es spielte für sie nicht die geringste Rolle, dass Alex ein unglaublich gutaussehender Mann war. Entscheidend war sein Geruch. Ihre Großmutter hatte ihr immer gesagt, dass sie den Richtigen niemals mit den Augen würde finden können, sondern nur mit der Nase – und mit dem Herzen. Denn das schlug schon wieder rasend schnell, wenn sie nur an ihn dachte. Sie war rettungslos verliebt – und todsicher, dass es ihm genauso gehen musste, denn diese Art von Anziehung konnte nicht einseitig sein.

Heute Nacht wollte sie wieder für ihn kochen und spätestens danach würde alles klar sein!

 

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»Da hast du ja einen ganz großen Fang gemacht, Freddy«, sagte Alex zu seinem Chef, als er am frühen Abend ins Hot Chocolate kam, um seine Schicht zu beginnen. Auf dem Tresen waren bereits wieder ein paar Häppchen aufgebaut, die garantiert von Bella stammten.

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wovon du sprichst«, entgegnete Freddy mit gespielter Ahnungslosigkeit, doch das Blitzen in seinen Augen strafte ihn Lügen.

»Du hast es geschafft, dass die umschwärmteste Sterneköchin des Landes in ihrem Restaurant das Handtuch geworfen hat und nun in deinem kleinen Café den Löffel schwingt!« Alex nahm sich einen der Knusperwürfel. Diesmal hatte die Füllung eine fischige Note. Wobei »fischig« dem Aromenreichtum nicht einmal ansatzweise nahekam. Ihm war, als läge ihm das Geheimnis des Pazifiks buchstäblich auf der Zunge.

»Ich glaube nicht, dass ich mit ihrer Entscheidung auch nur das Geringste zu tun habe«, gab Freddy vielsagend lächelnd zurück. »Sie ist mir einfach zugelaufen wie eine kleine Katze. Dass sie nun bleiben will, hat ganz bestimmt andere Gründe. Einer davon steht mir gerade gegenüber.«

»Hat sie was über mich gesagt?«

»Hätte sie das tun sollen?«, konterte Freddy mit einem verschmitzten Grinsen.

Alex schüttelte den Kopf. »Nein, du hast recht. Das ist vollkommen unnötig. Ich habe nie an Schicksal oder Karma oder so einen Scheiß geglaubt – bis es passiert ist. Und jetzt werde ich mich weder wehren noch es hinterfragen.« Er schob sich einen weiteren Würfel in den Mund und begann dann, die Getränkebestände zu kontrollieren.

»Weise Entscheidung, mein Freund.« Freddys tiefer Bariton vibrierte. »Ich drücke euch die Daumen, dass der Abend in der Bar ruhig wird.«

 

Um kurz nach halb eins waren alle Gäste und Kollegen weg. Alex hatte den ganzen Abend in Vorfreude verbracht, war aber erstaunlich ruhig. Schicksalergeben könnte man wohl sagen. Er wusste, dass alles, was nun folgte, vollkommen unausweichlich war. In aller Ruhe machte er die Abrechnung, dann wusch er sich die Hände, schaltete das Licht in der Bar aus und ging in die Küche.

»Du bist wieder da«, stellte er fest, als er sie an ihrem Arbeitsplatz sah. Konzentriert über einen Teller gebeugt, mit fast identischem Outfit wie bei ihrer ersten Begegnung.

»Hast du daran gezweifelt?« Sie sah nicht auf, sondern arbeitete methodisch und ohne Hast weiter.

»Nicht ernsthaft«, gab er zu. »Doch du musst zugeben, dass es schon sehr merkwürdig ist, das mit uns. Ich meine, wir kennen uns doch noch gar nicht. Wir haben kaum miteinander geredet, wir haben uns noch nicht berührt, noch nicht einmal geküsst, aber …« Ihn verließen die Worte und er trat ein paar Schritte näher, nun doch etwas unsicher. Was, wenn er sich das alles nur eingebildet hatte?

»Wir wissen alles, was wir voneinander wissen müssen«, sagte sie schlicht und blickte dann zum ersten Mal auf. »Und keine Sorge, wir werden uns küssen und berühren und miteinander sprechen. Aber erst essen wir.« Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen und sie deutete mit dem Kinn zum Küchentisch, der anders als beim letzten Mal bereits schön gedeckt war. Es brannte sogar eine Kerze und eine Flasche Champagner lag auf Eis. Manchmal mussten Klischees auch bedient werden, dachte sie.

»Wegen mir könnten wir die Reihenfolge gerne ändern«, murmelte Alex leise, nahm aber Platz und öffnete die Champagnerflasche.

»Das könnten wir, aber das würde den Genuss schmälern«, entgegnete sie. »Neben den perfekten Zutaten, der richtigen Zubereitung sind auch das Timing und die Reihenfolge von entscheidender Bedeutung.«

»Du hast offenbar nicht nur den absoluten Geschmackssinn und eine feine Nase, sondern auch noch Ohren wie ein Luchs«, stellte er seufzend fest. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie seinen geraunten Kommentar wahrgenommen hatte. Mit einem leisen Plopp zog er den Korken aus der Flasche.

»Gewöhn dich dran«, raunte sie ihm ins Ohr, während sie ihm seinen Teller servierte. Dabei inhalierte sie tief seinen unglaublichen Geruch ein. Ihre Meeresfrüchte-Variation passte dazu perfekt. Dann nahm sie ihm gegenüber Platz. »Wir haben hier eine feine Auswahl pazifischer Juwelen«, begann sie ihre Erklärung. »Wir fangen ganz oben auf zwölf Uhr an und essen dann Schritt für Schritt im Uhrzeigersinn weiter.«

»Was ist das alles?«, wollte er wissen.

»Das verrate ich nicht. Doch für alles, was du richtig errätst, bekommst du einen Kuss oder eine andere Berührung. Und für alles, was du nicht richtig errätst, gibt’s eine Information.«

Wenn Bella so lächelte wie eben, sah sie umwerfend aus, dachte Alex, fühlte aber, wie sich leichte Frustration in ihm breitmachte. Nie im Leben würde er auch nur einen einzigen Fisch richtig identifizieren können. Zumal er nicht einmal sicher war, ob das auf seinem Teller überhaupt alles Fisch war. Er seufzte. »Das sieht göttlich aus und schmeckt sicher noch viel besser, aber ich bin auch nur ein Mann. Können wir nicht einfach direkt zum Dessert übergehen?« Er war hungrig, aber es war nicht sein Magen, der nach Nahrung verlangte.

»Glaub mir, du willst auf diesen Genuss nicht verzichten.« Das Lächeln war noch da, aber ihr Tonfall hatte schon wieder was von der Grundschullehrerin.

»Na schön«, lenkte er ein. »Aber wo ist dein Teller?«

»Ich brauche keinen. Es ist genug auf deinem. Aber nun lass uns erst einmal trinken.« Sie hob ihr Glas und freute sich an der perlenden Flüssigkeit. »Auf uns.«

»Auf uns.« Er nippte an seinem Getränk und beobachtete, wie sie einen großen Schluck nahm, aufstand und zu ihm kam. Nur mit einer kleinen Geste bat sie ihn, ein Stückchen zurückzurutschen, so dass sie sich rittlings auf seinen Schoß setzen konnte. Sie war leicht wie eine Feder, aber der champagnergeschwängerte Kuss kam plötzlich und mit einer Vehemenz, die ihm fast den Atem raubte.

Ein wenig des Prickelwassers lief aus ihren Mündern seinen Hals hinunter. Es war ihnen vollkommen egal. Sie schmeckten sich, erforschten sich mit Lippen und Zungen und erspürten einander. Es fühlte sich gleichzeitig neu und vertraut an. Bella rieb sich ein wenig an seinem harten Penis, der sich gegen sein enges Jeans-Gefängnis wehrte. Gut, er war also genauso erregt wie sie selbst. Sie konnte es kaum erwarten, ihn zu kosten und ihm ihre Auster zu präsentieren. Dass sie die Lust derart mitriss, damit hatte sie nicht gerechnet, und ihm schien es nicht besser zu gehen, wenn sein raues Stöhnen ein Hinweis war.

Atemlos löste sie den Kuss und sagte dann mit leicht zitternder Stimme: »Ich glaube, du bist jetzt bereit für zwölf Uhr.« Sie drehte sich zum Tisch, pikste zwei Stückchen rosafleischiges Sashimi auf eine Gabel und steckte sie in ihren Mund. Dann küsste sie ihn wieder und schob ihm mit der Zunge eines in seinen Mund. »Und jetzt rate«, hauchte sie.

Alex gab wirklich alles und zählte sämtliche Fischsorten auf, die ihm in den Sinn kamen, doch er hatte keine Chance. Vor allem deshalb nicht, weil Bella nun begann, sein Hemd aufzuknöpfen und seine Brust zu streicheln. Sie tat das mit der gleichen methodischen Anmut, wie sie auch ihre Zutaten behandelte. So musste sich also ein Filet fühlen, das von ihr zu einem Steak verarbeitet wurde. Es war pazifischer Makrelenhecht – von diesem Tier hatte er noch nie gehört. Und es war ihm vollkommen egal, denn nun nahm sie ihre Brille ab und zog ihr Top aus. Hatte er sie tatsächlich noch vor wenigen Tagen als reizlos empfunden? Was für ein Idiot er doch manchmal war. Sie war perfekt. Genauso perfekt wie die mit italienischem Speck ummantelte Jakobsmuschel.

Rasch schluckte er seinen Bissen, ehe er sich ihren wunderbaren festen Brüsten widmete. Erst tupfte er nur leichte Küsse über ihren Hals und die zarten Schlüsselbeine. Dann züngelte er tiefer in Richtung der Knospen, die hart und erregt seinen Kuss erwarteten. Genau wie sein Schwanz. Er hatte das Gefühl, bald seine Hose zu sprengen, und die Hitze, die sie ausströmte, machte es nicht besser. Alex wollte sie so sehr, doch sie war gnadenlos und bestand auf die akkurate Menüfolge.

Beim Seeigel verabschiedete sich sein Hemd. Beim frittierten Algennest mit Thunfischtatar zog sie sich ihre Hose aus. Ihr schlichtes weißes Baumwollhöschen war vor lauter Nässe schon ganz transparent und er sah, dass sie nicht rasiert war, sondern kurz getrimmte, schwarze Schamhaare hatte. Er wollte sie unbedingt dort berühren, doch sie schob sanft, aber deutlich seine Hand weg und setzte sich wieder auf ihn, so dass sie ihre feuchte Hitze gegen ihn presste.

An den nächsten Bissen konnte er sich nicht mehr erinnern, denn sie krönte ihn, indem sie sich erst zwei Finger zwischen die Beine schob und ihn dann ihr glänzendes und nach ungezügelter Lust duftendes Sekret ablecken ließ.

»Ich halte das bald nicht mehr aus«, stöhnte er in ihren Kuss hinein, den sie gleich darauf folgen ließ.

»Gleich«, versprach sie.

Sie rutschte von seinem Schoß, öffnete mit ihren geschickten Fingern seinen Gürtel und seine Hose und befreite endlich seinen Schwanz, der die Qual keinen Augenblick länger mehr ausgehalten hätte. Fast andächtig betrachtete sie ihn, dann beugte sie sich hinunter und leckte über die Eichel. Mit geschlossenen Augen genoss sie seinen Geschmack und sog seinen typischen Geruch ein, der hier noch viel intensiver und konzentrierter war. Sie war sich sicher, dass sie kommen könnte, nur indem sie an seinem Schwanz saugte. Und sie wollte wissen, wie sein Sperma schmeckte, doch das stand nicht auf der Speisekarte. Noch nicht.

»Einen Bissen haben wir noch«, keuchte sie und riss sich von ihm los. Inzwischen zitterte sie vor Erregung am ganzen Körper und konnte kaum den Teller halten, den sie ihm ein letztes Mal präsentierte. »Das hier kennst du.«

Ja, das kannte er. Es war eine Auster, die prall und feucht in ihrer Schale lag. Doch er würde sie ganz sicher nicht auf traditionelle Art schlürfen – und hoffte, dass von Bella kein Widerstand kam. Er hob sie hoch und legte sie auf die freie Fläche des großen Tischs. Langsam zog er ihren Slip aus und stellte dann ihre Füße so auf die Tischplatte, dass sich ihre Mitte für ihn öffnete. Allein der Anblick der nassen, geschwollenen Schamlippen brachten ihn fast um den Verstand. Er brauchte sein letztes bisschen Selbstbeherrschung, um nicht auf der Stelle hart in sie einzudringen und sie zu ficken, bis sie seinen Namen schrie. Doch er kannte die Regeln. Erst das Essen, dann der Rest. Und so nahm er die Austernschale vorsichtig vom Teller und ließ das glitschige Muschelfleisch auf ihren Venushügel gleiten. Schnell senkte er den Kopf und leckte ihr die Auster von ihrer Scham. Sie schmeckte salzig, nach Meer – und nach Bella. Er schluckte und drückte dann seine Zunge vollflächig auf ihre bebenden Lippen. Sie drängte sich an ihn und seine Zungenspitze fand die kleine, harte Austernperle, die er mit kurzen, gleichmäßigen Bewegungen bearbeitete. Er drang mit zwei Fingern in ihre heiße, enge Grotte ein und pumpte im passenden Rhythmus, bis ihr Atem immer abgehackter ging. Ihre Hände vergruben sich in seinen Haaren, sie wimmerte und drückte schließlich ihren Rücken durch und kam mit einem lauten Schrei.

Alex legte sein Gesicht auf ihren Bauch und fühlte, wie sie immer noch von Kontraktionen überrollt wurde. Zärtlich küsste er seinen Weg nach oben. Über ihren Bauchnabel, die beiden Brüste, bis er ihren Mund erreichte. Gleichzeitig tastete er in seiner Hosentasche nach einem Kondom, das er – Optimist, der er war – dort deponiert hatte. Doch ehe er noch die knisternde Hülle öffnen konnte, hielt sie ihn auf. Ihre fast schwarzen Augen waren vor Lust verschleiert, doch sie sagte mit überraschend fester Stimme: »Nein. Jetzt hole ich mir meinen letzten Gang!«

 

 

 

5. Dessert

 

Die flüchtigen süßen Kakao-Aromen stiegen ihm in den Kopf, doch nun übernahmen mehr und mehr andere Nuancen das Regime. Der Hauch orientalischer Gewürze, eine winzige Andeutung feuriger Schärfe und eine unbeschreibliche Note von – ihm fehlten die Vergleiche – es schmeckte jedenfalls nach purem Sex. Nach unglaublichem Verlangen und: Bella!

Seit fast drei Wochen verbrachten sie regelmäßig ihre Nächte auf diese Art. Immerhin inzwischen nicht nur in der Küche des Hot Chocolate, sondern auch in seiner Wohnung. Bella war mittlerweile bei ihm eingezogen – alles andere wäre ja auch lächerlich umständlich. Das mit ihnen war schlicht unvermeidlich, warum sich also sträuben?

Morgen ging ihr Flieger nach Italien, wo sie die nächsten zwei Wochen lang auf den kulinarischen Pfaden ihrer Vorfahren wandeln würden. Und vermutlich noch andere erstaunliche Entdeckungen machen würden, wie Alex stark vermutete. Freddy hatte die kurzfristige Urlaubsankündigung mit Fassung getragen. Sein Job hinterm Tresen und Bellas Platz in der Küche waren sicher – wann immer sie ihn haben wollten.

»Ist es Zimt?«, fragte er nun.

Sie schüttelte den Kopf. »Du musst noch viel lernen. Am besten, wir fangen gleich damit an.«

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ENDE

 

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Diese Kurzgeschichte wurde in der Anthologie »In Lust vereint 2« im Mai 2016 erstveröffentlicht.

 

Charlotte Taylor ist das Pseudonym der Frankfurter Autorin Carin Müller, wenn sie Ausflüge in Richtung horizontaler Literatur unternimmt. Charlotte erblickte im Herbst 2014 das Licht der Welt, als man Carin aus verschiedenen Quellen nahelegte, ruhig etwas gewagter zu schreiben. Seitdem streiten sich die beiden Autorinnen um Schreibzeit. Denn auch wenn sie vollkommen unterschiedliche Genres bedienen – im realen Leben teilen sie sich nicht nur einen Ehemann und einen Hund, sondern auch noch einen Körper. Und dieser Wirtskörper – obwohl durchaus funktional – verfügt standardmäßig nur über zwei Hände, zehn Finger und einen Kopf. Da kann es durchaus eng werden bei der Manuskripterstellung.